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Rekordfänge


Inoffizieller Wels-Weltrekord! 09.03.2008

Der nächste Weltrekord-Wels wird im Po gefangen, prophezeiten Experten schon seit Langem. Fast so ist es nun gekommen mit dem 117 Kilo-Giganten, den Jürgen Münkle in einem Nebengewässer des Po ins Boot zog. Hier schreibt der Fänger seinen ganz persönlichen Fangbericht.

Es ist 7 Uhr morgens am 9. März 2008. Unser Boot driftet auf einem Nebenfluss des Po inmitten der oberitalienischen Ebene. Feuchter, kühler Nebel über dem Wasser verleiht der Szene etwas Geheimnisvolles, und etwas Ungeheuerliches unter der Wasseroberfläche verstärkt die eigenartige Stimmung. Denn unter unserem Boot befindet sich der Gigant des Süßwassers. Und dieser hier verdient wirklich den Namen Gigant, denn er soll sich als größter Europäische Wels (Silurus glanis) erweisen, der jemals mit der Angel gefangen wurde.

Uns zittern die Hände vor Kälte, aber auch vor Aufregung. Denn uns ist schon seit einiger Zeit klar, dass wir da ein wahres Urtier am Haken haben. Und der Drill sorgte für unangenehme Überraschungen. „Der Knoten, wo kommt denn der Knoten her?" Mein Freund Holger hängt sich aufgeregt über die Bordwand unseres Bootes und greift eine Schlaufe, die sich am Rutenendring verhakt hat. Ich stemme mich mit aller Kraft gegen den Fisch, bange Sekunde - hält die Schnur, halte ich den Giganten? „Gleich, gleeeich - und frei!" Meine 2,85 Meter Urian-Rute von Ehmanns biegt sich bis zum Anschlag, als die Schnur erneut mit Urgewalt von der Rolle gezogen wird. Ich danke Petrus, dass es mir vor unserer Tour nach Italien gelungen ist, noch eine dicke Spule 0,50er Super-Cat-Schnur von Leitner zu ergattern. Bei jeder anderen Schnur wäre nach einer solchen Schlaufenbildung der Drill zu Ende gewesen. Das Dynacast Material leistet mir, ebenso wie vielen anderen Welsanglern, schon seit Langem gute Dienste, gerade in besonders prekären Drill-Situationen. Und um eine solche handelt es sich hier allemal. Wir driften mit unserem Boot beim Welsangeln. Bei einer relativ geringen Fließgeschwindigkeit können wir dabei mehreren Ruten gleichzeitig einsetzen. Dabei treiben die mit Aal bestückten Posenmontagen in Abständen von 50 bis 200 Meter hinter dem Boot her. Mit einem Elektromotor wird die Drift reguliert und der Abstand zwischen Boot und Montagen gehalten.

Der Untergrund des Gewässers ist sehr unregelmäßig, somit stellen wir die Montagen relativ flach ein. Jedes Vorfach ist mit zwei Rasseln bestückt, um die Lockwirkung auf die Welse zu erhöhen. Zudem setzten wir große Hoffnung auf eine spezielle Entwick¬lung der Firma East-Carp. Dabei handelt es sich um eine geruchsintensive Paste, die wir auf das Vorfach streichen. Die Paste haftet sehr gut an der Schnur und hinterlässt beim Driften eine unwiderstehliche Duftspur. Das Lockmittel befindet sich in der Testphase und wird bald im Handel sein. Etwa 40 Minuten Drill auf Biegen und Brechen liegen nun hinter uns. Der Elektromotor hatte sich nicht herausheben und einrasten lassen, und als hätte der Fisch diesen Umstand zu seinen Gunsten nutzen wollen, war er immer wieder um den hinteren Teil des Bootes gekreist und hatte dabei unsere Herzfrequenz bis in ungesunde Höhen steigen lassen.

Als der Fisch kurzzeitig bewegungslos unter dem Boot verharrt, beginnt ein unheimliches, leises Knistern um das Boot herum, welches durch die neblige Windstille klar zu hören ist. Ich versuche gerade zu verstehen, was da passiert, als kleine Bläschen auf der Wasseroberfläche, die offenbar die Ursache für das Knistern sind, durch einen mächtigen aus der Tiefe kommenden Luftblasenteppich eingeholt werden. Blasen, wie von einer fünfköpfigen Tauchergruppe. Kurz danach ist es soweit: Knapp unter der Wasseroberfläche macht sich ein grauer Schatten bemerkbar - das Wasser ist durch das Schmelzwasser eingetrübt -, ich löse etwas die Bremse und blockiere sie mit der Hand, während ich den Druck auf meine treue Urian-Rute etwas erhöhe. Sollte ich ihn doch noch verlieren, so möchte ich ihn wenigstens einmal gesehen haben! Aber was wir zu sehen bekommen, ist ebenso beeindruckend wie abstoßend: Ein riesiges Maul öffnet sich und spuckt einen großen, breiigen Klumpen halbverdauter Fischreste aus. Er kotzt uns geradezu an. Auf der Wasseroberfläche entsteht ein mehrere Quadratmeter großer, öliger Teppich, unter dem das Ungetüm wieder in die Tiefe verschwindet. Wir können kaum fassen, was wir gesehen haben. Ein vollgefressener Wels hat unseren Köder genommen. Und das bei diesen Witterungsverhältnissen.
Ein Schwall, ein Schrei, weitere bange Minuten vergehen, dann taucht er wieder auf, offenbar schon etwas ermattet. Ein absoluter Riesenfisch lässt sich nunmehr fast widerstandslos an das Boot heranführen. Holger zieht den Handschuh über und macht sich bereit zur Landung. Ich kann nicht genau erkennen, was da passiert, sehe aber, wie Holger das Vorfach packt und den Arm streckt. Ein mächtiger Schwall wird von einem Aufschrei meines Freundes übertönt. Der Fisch hatte sich genau in dem Augenblick, als Holger ihn am Kiefer packte, mit voller Wucht gedreht. Die Zähne verhakten sich dabei leicht am Handschuh und schon hatte Holger im Nahkampf das Nachsehen. Hätte er nicht schnell genug seine Hand aus dem scheunentorgroßen Maul zurückgezogen, wäre ihm bei dem Manöver sicherlich der Arm ausgekugelt worden. Wieder legt das Riesenvieh eine Flucht hin, aber nur eine kurze, die ich gut parieren kann. Dann gelingt es mir, den Fisch zu stoppen und auf der Stelle zu halten, während Holger sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Arm abtastet. Aber wozu hat man zwei Arme!? Also: Handschuh gewechselt und auf ein Neues. Auch der zweite Versuch, den Riesen ins Boot zu ziehen, scheitert. Aber aller guten Dinge sind drei, und endlich haben wir ihn sicher. Erschöpft liegt der Gigant in unserem Boot und mag sich wohl fragen, wer es gewagt hat, ihn, den Größten der Großen zu fangen. Unterdessen erschallen unsere Jubelschreie durch den Nebel der Po-Ebene. Wir liegen uns in den Armen, und ich fürchte für einen Moment, dass gleich der Wecker klingelt und mich aus einem fantastischen Traum weckt.

Erschöpft, noch ungläubig, aber glücklich fahren wir zurück zum Camp. Während Holger über Funk vier Kollegen herbeiruft, versorge ich den Fisch. Wieder und wieder messe ich den Fisch, und immer wieder zeigt das Maßband eine Länge von 2,51 Meter an. Unter Einsatz einer sehr schonenden Wiegematte, die verhindert, dass der Wels sich beim Wiegen krümmt und dabei seine Wirbelsäule oder innere Organe verletzt, ermitteln wir sein Gewicht. Die korrekte Funktion der Waage wird später mit Hilfe einer zweiten Waage überprüft und bestätigt. Die genaue Gewichtsangabe: 117 Kilogramm! Das ist Weltrekord! Der größte Wels, der jemals mit der Angelrute gefangen wurde! Was wäre nun die übliche Prozedur, um den Rekord offiziell anerkennen zu lassen? IGFA-Notare ans Wasser holen, während der Fisch angeleint am Ufer liegt? Wieder aus dem Wasser raus, wieder wiegen, wieder Fotos? Für mich geht das Wohl des Fisches vor. So ein alter Riese ist eine heilige Kuh, für deren Wohlergehen ich mich genauso verantwortlich fühle, wie für jeden anderen Wels, den ich landen kann. Ich möchte diesem Fisch die Prozedur einer formalen Anerkennung nicht antun, nur weil er es geschafft hat, sich in der rauen Natur durchzusetzen und so groß und alt zu werden. Ich möchte nicht schuld sein, dass dieses erfolgreiche Leben durch mich sein Ende findet. Vier Zeugen stehen um mich herum, Foto- und Video-Material müssen ausreichen, um die Existenz und das Gewicht dieses Fisches zu beweisen. Ich werde ihn keinen weiteren Strapazen aussetzen und ihn nicht bei der IGFA anmelden, sondern wie jeden anderen Wels wie¬der in sein Revier entlassen. Nachdem wir das alte Urtier in sein Element zurückgesetzt haben, holen wir die Zigarren und den Sekt raus. Voller Respekt vor diesem Ungetüm der Tiefe erzählen wir in unserem Freundeskreis immer wieder die Geschichte mit dem Knoten. Am selben Abend sichern wir unser Camp, und Holger begleitet mich zu einem guten Essen und ein paar Sieger-Bieren in die benachbarte Kleinstadt. Während ich da sitze, halte ich mir das kalte Bier unwillkürlich ans Ohr und höre wieder das feine Knistern der Luftblasen, das den Fisch meines Lebens ankündigte.
Quelle: Blinker Heft Mai 2008

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