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Berichte


DER LENGSTE

Die kleine Wiese des gegenüberliegenden Berges, die Warnbarke die eine Untiefe kennzeichnet und die Jeansmütze meiner Lebensgefährtin Rosi , die es sich im Bug unseres gemieteten Bootes gemütlich gemacht hat, bilden wieder eine Linie. Wie so oft sind wir unterwegs zum Ausgangspunkt einer neuen Angeldrift auf dem Hardangerfjord in Norwegen. Ein Blick auf das Echolot zeigt den ansteigenden Meeresboden; 80,70,60,50m. Das Ziel ist erreicht, Motor kurz in den Rückwärtsgang bis das Boot still steht und dann aus. Alles schon Routine. Zum x-ten mal geht der grüne, 13cm lange Gummifisch mit dem 125gr Bleikopf , verfolgt von einem7cm langem feuergelbem Gummifisch, den ich als Beifänger montiert habe, auf Tauchfahrt. Gleichmäßig läuft die 20er geflochtene Schnur durch die Ringe meiner Katapult, bis der Gummifisch auf dem Meeresboden aufschlägt und die Schnur schlaff wird.
Schade, kein Köhler hat den Köder auf dem Weg abwärts genommen, was schon manchmal vorgekommen ist und sich durch eine kurze Unterbrechung des gleichmäßigen ablaufend der Schnur bemerkbar macht. Schnurfangbügel zu, etwas Leine einholen um den Kontakt zum Köder herzustellen und beginnen mit dem pilken, auch alles schon Routine. Kleine gefühlvolle Bewegungen des Köders haben sich als fängiger erwiesen als das hochreißen der Angel, wie man es oft auf den Angelkuttern sieht. Rutenspitze 30cm langsam anheben und den Köder kontrolliert absinken lassen, anheben, absinken, anheben, absinken, anhe……….. Oh, Widerstand am anderen Ende der Schnur und sofort ziehe ich die Angel durch um einen Anschlag zu setzen.
Die Angelrute biegt sich kräftig durch, aber kein zappeln am anderen Ende. Verdammt, Hänger ist mein erster Gedanke, als ein kräftiger Ruck mir fast die Rute aus der Hand reißt. Dann wieder nur das Gefühl eines kapitalen Hängers. Ich bringe die Kampfbremse meiner Shimano in Mittelstellung und versuche durch kräftiges hochziehen etwas Schnur zu gewinnen, was mir auch gelingt. Schnell die Rute waagrecht und die gewonnene Schnur einkurbeln. Klappt mittlerweile reibungslos, ohne dass die Schnurspannung nachlässt. Aber der vermeintliche Hänger hat etwas dagegen und zieht mir ohne Hast die Rutenspitze ins Wasser. Die Rute biegt sich zum Halbkreis bis die Rolle unwillig Schnur freigibt, aber statt der zuvor mühsam eingeholten 2m mindestens das Doppelte.
Darauf folgt wieder eine Pause in der mein Gehirn wach wird und beginnt auf Hochtouren zu laufen. Mir wird warm und kalt zugleich und im Nacken stellen sich die Haare. Welch kapitaler Fisch muss meinen Köder genommen haben, biegt meine starke Rute zum Halbkreis und holt die 20er Geflochtene mit 15kg Tragkraft einfach so von der Rolle. 1000 Gedanken auf einmal. Ist der Knoten noch in Ordnung? Sitzt der Haken gut? Hält der Wirbel und die Schnur? Ist die Rollenbremse richtig eingestellt????????
Wieder erhöhe ich den Zug auf den Fisch und gewinne mühsam 2m Schnur, welche mir sofort wieder doppelt von der Rolle gezogen wird. Dieses Spielchen macht meinem Gegenüber anscheinend sehr viel Spaß. 2m hole ich mir, 4m nimmt er mir wieder ab. Ein Blick auf die Spule beruhigt mich ein wenig, sie ist noch gut halb gefüllt, aber ein kurzer Blick auf das Echolot treibt mir den Schweiß auf die Stirn.
In 50m Tiefe hat er angebissen, das Gerät zeigt aber schon knapp über 70m an. Oh, Oh…… Leicht Panik, denn noch kämpft der Fisch am Grund und ist bis jetzt eindeutig der Sieger. Ich muss meine Taktik ändern, um eine Chance zu haben den Kampf zu gewinnen. Also gehe ich aufs Ganze und lege zusätzlich noch einen Finger auf den Spulenrand, um meinem Gegner das abziehen der Schnur zu erschweren.
Immer weiter geht das hin und her. Mittlerweile macht mir noch etwas anderes Sorgen, meine Kondition. 20 Minuten sind bestimmt schon vergangen, mein Handgelenk schmerzt und im Arm der die Rute hält kündigt sich ein Krampf an. Jedes hoch pumpen wird begleitet von Geräuschen der Anstrengung, wie sie ein Bodybuilder beim Krafttraining von sich gibt.
Rosi hat inzwischen das Deck gesäubert. Echolot, Rutenhalter und all die Utensilien die ich während des Angeltages um mich versammelt habe sind weggeräumt, um den Drill und eine eventuelle Landung des Fisches nicht zu gefährden. Auch den Landehandschuh (der Gaff liegt natürlich zu Hause in der Garage, damit er nicht rostet), hat sie mir schon übergestülpt. Perfekt wie eine OP-Schwester dem Chefarzt.
Der Fisch gibt nicht auf und ich fange an mit ihm zu reden:“ gib endlich auf, komm hoch, hast keine Chance, ich bin stärker als du“ und Ausdrücke, die man besser nicht aufschreibt.
Und es sieht so aus als hätte er mich gehört. Immer mehr Schnur sammelt sich auf der Spule, das hoch pumpen geht einfacher. Hat er aufgegeben???
Beide beobachten wir den Punkt, wo die Schnur ins Wasser eintaucht. Die Spannung wächst mit jedem Meter Schnur den ich einhole. Da, in der Tiefe ist etwas zu erkennen und plötzlich, schneller als erwartet durchbricht etwas die Oberfläche und zeigt weiß. Uns beiden rutscht vor Schreck das Herz in die Hose. Vor uns im Wasser dümpelt ein riesiger Leng!
Der 13cm lange Gummifisch den er genommen hat, das kleine Boot, meine Hand mit dem Landehandschuh, alle Proportionen scheinen aus den Fugen geraten zu sein. Alles ist plötzlich sehr klein im Verhältnis zu diesem kapitalen Meeresbewohner. Wie soll der Fisch zu uns ins Boot? Nur eine geschützte Hand, ohne Gaff, eine scheinbar unlösbare Aufgabe und wieder macht sich Panik breit. Sollte ich meinen Fang doch noch verlieren? Tage zuvor hat mir ein kleiner Leng in den Finger gebissen und drei hässlich blutende Löcher hinterlassen. Ich war vorgewarnt! Mit dem Kopf des Riesenlengs, bestehend aus zwei Fünfmark Stück großen Augen, einem riesigem Maul mit im Gaumen versteckt liegenden spitzen Zähnen, möchte ich keine Bekanntschaft machen. Was tun? Aber ungewollt zeigt der Fisch mir die Lösung des Problems, in dem er mir mit seiner 15cm langen Brustflosse zuwinkt. Ich fasse sie mit einer Hand und sie ist erstaunlich stabil. Mit der zweiten Hand fasse ich die andere Brustflosse, ein beherzter Zug während Rosi das Boot gekonnt auspendelt und er liegt vor uns im Trockenen. Ein gezielter Schlag mit dem Paddel und das Schicksal des Lengs ist besiegelt.
In einem Siegesschrei, der sogar von den Bergen als Echo zurückgeworfen wird, löst sich die Anspannung der vorherigen halben Stunde. Erschöpft, ungläubig den Fisch anstarrend, mit einer Zigarette in der zitternden Hand, kommt langsam meine Fassung wieder.
Da liegt er nun zwischen meinen Füßen, groß, gigantisch, der größte Fisch in meinem bisherigen Leben, mit einem von spitzen Klippen zerkratztem Leib und schaut mich mit seinen großen Augen an.

Erfurcht vor diesem Lebewesen, die Freude ihn besiegt zu haben und die Anstrengung lassen meine Augen feucht werden. Die Gefühle von Mitleid, Stolz und Freude sind gemischt.

Zurück auf dem Campingplatz, von welchem wir unsere Angeltour starteten, ist der Auflauf den mein Fang verursacht groß. Alles strömt zusammen, um den Fisch zu betrachten. Darunter auch eine 26 köpfige Anglergruppe aus Bayern, die ebenfalls von hier aus zum angeln ausfährt. Viele Gratulationen und viel Petri Heil nehme ich stolz entgegen. Gerne gebe ich den Bitten der um mich Versammelten nach, den Fisch zu stemmen, um ein Erinnerungsfoto zu schießen. Den 1m langen Zollstock, für meine bisherigen Fänge ausreichend, muss ich 2mal anlegen und es ergibt sich eine Länge des Lengs von 175cm.
Wahnsinn!! Er ist genauso groß wie ich. Das wiegen mit einer Federwaage, welche von den Bayern organisiert wurde, erweist sich als Problem. Die Skala der Waage endet bei 20kg. Das Gewicht des Lengs zieht sie aber weiter heraus, so dass das genaue Gewicht nicht ermittelt werden kann, nach mehrseitigen Schätzungen aber bei ungefähr 23kg liegen müsste.

Bis zum Abend muss ich noch oft Fang, Drill und Landung schildern. Manche Dose Bier ölt dabei meine Stimme. Das Einschlafen dauert heute sehr lange. Einer meiner letzten Gedanken beschäftigen sich mit dem Buch von Ernest Hemmingway: „Der alte Mann und das Meer“. Hoffentlich träume ich nicht von der Mutter dieses Lengs, die irgendwo in den Klippen eines norwegischen Fjords auf kleine Gummifische lauert. Mir läuft ein Schauer über den Rücken und mit einem grinsen im Gesicht schlafe ich ein. Lass sie nur kommen, ich bin bereit!!!!!!!!
Thomas Pfannenbecker

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